Gesamtkunstwerk Zwiefalten

Die barocke Fassade der Abteikirche des ehemaligen Benediktinerkonvents Zwiefalten wächst als gewaltiges Portal in die Höhe. Jedem Besucher wird eindrucksvoll schon in der Bauform die Heiligkeit des Ortes veranschaulicht: ”Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels (Gen. 28.17). Dieser Satz Jakobs nach seiner Traumvision von der Himmelsleiter, war offensichtlich das leitende Motiv bei der Gestaltung der Westfront des Gotteshauses im 18. Jahrhundert. Die Abteikirche gilt als Beispiel eines barocken Gesamtkunstwerkes. Die unterschiedlichen Kunstgattungen, die Architektur, die Stukkatur, die Bildhauer und die Malerei fügen sich zu einer Einheit zusammen, bei der kein einziger Beitrag ohne substanziellen Verlust des Ganzen weggedacht werden kann.

Das Spiel der Farben und Formen, der Räume, des Lichts werden zu Erfahrungen der Epiphanie des Ewigen und Göttlichen. Der barocke Festsaal und die in Einheit mit ihm gefeierte Liturgie verstehen sich als irdische Vor-Schau und diesseitiges Vor-Spiel des Himmels, als Abglanz des wahren Seins nach dem Wort des hl. Paulus im 1. Korintherbrief: ”Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.” Daß hier etwas völlig anderes als das Vorhandene entstehen sollte, und mit welch durchgreifender Radikalität im Jahr 1089 Abt Wilhelm von Hirsau dabei vorging, schildert der Mönch Berthold in seiner Chronik von Zwiefalten aus dem 12. Jahrhundert: ”Auch kam der vorgenannte Wilhelm persönlich vorbei und ließ zunächst nach dem Wort des Propheten ”auf daß du entwurzelst und niederreißest und aufbauest und pflanzest” jenes sehr volkreiche Dorf niederreißen und von Grund auf zerstören; dann ging er daran, mit eigenen Händen als ein in solchen Geschäften sehr erfahrener Mann die Maße des Münsters abzustecken und die übrigen Klostergebäude .. schön und zweckmäßig anzuordnen im Namen des Herrn.”

Ein ganzes Dorf mußte also der Neugründung weichen und wurde dem Erdboden gleich gemacht. Dies mag uns heute erschrecken; es wird nur verständlich, wenn das ganze symbolische Gewicht dabei bedacht wird: Etwas ganz und gar Neues sollte entstehen, ein Haus Gottes errichtet, eine Gottesstadt erbaut werden. ES ging um die Realisierung eines geistigen Programmes, das unbeeinflußt und unbeeinträchtigt durch Reste von Altem zur Wirkung kommen sollte. Mit der selben Radikalität wurde im 18. Jahrhundert das der imposante Kirchenbau im sogenannten Hirsauer Stil abgerissen und statt dessen die heutige barocke Anlage errichtet.

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Der Bauernstreik
Zwiefaltendorf zur Zeit der Renaissance war keine ländliche Idylle. Die Freiherren von Speth beschnitten alte Rechte der Bauern, forderten Frondienste und führten ungerechte Steuern und Abgaben ein. Zahlreiche Eingaben und Beschwerden der Untertanen an die württembergische Regierung und an das Haus Habsburg legen Zeugnis über das zerrüttete Klima ab, das rund zweihundertfünfzig Jahre in Zwiefaltendorf an der Tagesordnung war. Die Regierung griff zwar immer wieder ein - aber es war ein jahrelanges Hin und Her, bis der eine Streit beigelegt war, nur um dem nächsten Platz zu machen. Schließlich streikten die Untertanen, ein einmaliger Vorgang in der württembergischen Geschichte.Begonnen hatte es im Jahr 1599 mit einem Testament des Wilhelm Dietrich Speth. Darin hatte er seine Frau und seine Kinder enterbt. Sie hätten ihn verlassen, war die Begründung; seine Frau habe ihn außerdem öffentlich heruntergesetzt und behauptet, er habe mit ihr seit Jahren kein eheliches Verhältnis mehr gehabt. Dies führte zu einem kleinen Krieg, in dem Graf Eitel Friedrich von Zollern die Spethschen Besitzungen einnahm. Wenige Monate später jedoch schaffte es Wilhelm Dietrich Speth - ausgerechnet mit württembergischer Hilfe - zurückzuschlagen und seine Schlösser wieder einzunehmen.

Doch nun hatten die Untertanen die Nase voll von den adeligen Machtspielchen: in aller Heimlichkeit verließen die Bauern von Ehestetten und Zwiefaltendorf ihre Häuser, nahmen von ihrer Habe, soviel sie tragen konnten mit und flohen im Morgengrauen in die umliegenden Dörfer. Jahrelang hielt dieser Zustand an. Die Bauern weigerten sich zurückzukommen und auch als Württemberg wegen des unnachgiebigen Verhaltens von Wilhelm Dietrich eine Zwangsverwaltung über die Spethschen Güter einsetzte, blieb das Tischtuch zerschnitten: nur noch ihre Überschüsse, nicht aber die fälligen Zehnten und andere Abgaben wollten die Untertanen ihrem Grundherren zukommen lassen. Später, im Jahr 1615, nach Wilhelm Dietrichs Tod, wurde das Testament, das für so viel Unruhe und Streit gesorgt hat, vom württembergischen Lehenshof endlich für null und nichtig erklärt. Jedoch mußten die Söhne des Unruhestifters die Hälfte von Zwiefaltendorf künftig dem Herzogtum Württemberg als Lehen überlassen: genug Anlaß für Zwist und Streitigkeiten bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein.

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